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Anne Reiring

Anne Reiring (1947)

Anne Reiring im Jahr 1947

Anne war 1940 fünfzehn Jahre alt en das zweite Kind von Vater Johannes Reiring und seiner Frau Gesina. Die elfköpfige Familie lebte auf dem Bauernhof Beusink in Dale. Der Hof wurde zu einem Zufluchtsort für Arbeitsverweigerer, den Russen Iwan sowie etwa 25 französische Flüchtlinge und Flieger. Anne half bei der Pilotenlinie Lichtenvoorde; sie brachte französische Flieger zum Bahnhof in Aalten. Es ging immer gut aus.

„Wir hatten bereits zwei niederländische Untergetauchte im Haus, von denen einer aus Gendringen stammte. Sie versteckten sich im Heu, wenn Gefahr drohte. Zwei Tage die Woche arbeitete ich in der Villa Esselink hier in Dale. Eines Tages sah ich in einem Wäldchen zwischen der Villa und unserem Haus zwei Jungen, die ihre Kleider zum Trocknen aufgehängt hatten. ‚Was ist das denn?‘, dacht ich mir. Ich erzählte es Vater, und er holte sie ab; sie bekamen zu essen und durften bei uns in der Scheune schlafen. Es waren französische Kriegsgefangene aus dem Lager in Bocholt (Stalag VI F). Bei ihrer Flucht waren sie nass geworden.

Unser Untergetauchter aus Gendringen sprach Fremdsprachen. Er schaltete die Polizei und den Untergrund ein. Ein paar Tage später wurden die Jungen vom Widerstand bei uns abgeholt. Später kamen der Marechaussee Kees Ruizendaal und der Untergrund (Joep ter Haar und Wim Pampiermole von der Pilotenlinie Lichtenvoorde) zu uns mit der Frage, ob wir noch ein paar aufnehmen könnten. Das war in Ordnung, und so nahmen wir wieder einige im Haus auf.

Ich wurde gebeten, sie zum Bahnhof in Aalten zu bringen, was ich über verschiedene schmale Feldwege tat. Mal waren es fünf, mal zwei, mal drei Personen. Wir gingen bis zum katholischen Friedhof und dann ein Stück über die Hauptstraße. Es ist immer gut gegangen. In dem Zug aus Winterswijk saßen Leute vom Widerstand; sie nahmen die Ausländer in Empfang und brachten sie weiter. Nachdem ich bereits 15 zum Bahnhof gebracht hatte, kamen erneut fünf ins Haus. Insgesamt hatten wir sicher 23 Franzosen bei uns.

Gegen Ende des Krieges hatten wir auch eine Familie aus Amsterdam und eine aus Rotterdam hier. Die ‚Tommies‘ kamen näher. Bei uns wurden für einige Tage 30 deutsche Soldaten einquartiert. Das geschah bei allen Bauern in der Umgebung.

Wir hatten schon länger den Russen Iwan im Haus – einen aus Deutschland geflohenen Kriegsgefangenen – und dem gefiel das gar nicht. Er war es gewohnt, sich bei Unheil schnell zu verstecken. Aber was nun? Vater sagte zu Iwan: ‚Du bist unser Onkel Herman und du bist taubstumm‘. Iwan sagte, er habe ‚viel Angst‘. Vater erwiderte: ‚Das ist nicht nötig, es wird alles gut‘. Er durfte seinen Mund nicht aufmachen. Er blieb nach der Befreiung noch eine Weile bei uns. Wir schliefen im Luftschutzkeller, aber Vater blieb im Haus.

Nach dem Krieg kam die Zeitung für ein Gespräch zu Vater. Er sagte: ‚Es ist nichts weiter als unsere Pflicht zu helfen. Wenn wir in einer solchen Situation wären, würden wir auch wollen, dass uns so geholfen wird‘.“

Vater Johannes Reiring und seine Frau erhielten einige Jahre nach dem Krieg eine hohe französische Auszeichnung, eine Erinnerungsmedaille. Vater und Annes ältere Schwester fuhren nach Apeldoorn, um die Médaille de la Reconnaissance Française abzuholen: eine Anstecknadel und eine Urkunde. An diesem Tag wurden weitere Personen ausgezeichnet, auch Widerstandskämpfer aus Lichtenvoorde.

1985 schickte der Flieger Pierre Paput aus der Loire-Region in Frankreich ein Foto von sich, seiner Frau und seinen zwei Söhnen an die Familie Reiring. Der Sohn und die Töchter des französischen Soldaten Jean Castro aus den Pyrenäen besuchten Anne überraschend im Juni 2010.

Anne Klein Nijenhuis-Reiring verstarb am 10. November 2020.