Der stille Begleiter

Ewald Heming und Elisabeth Schlattmann kannten sich bereits seit 1933. Sie wohnten in Stadtlohn, direkt hinter der Grenze, und arbeiteten im selben Büro. Er war acht Jahre älter als sie.
Im Jahr 1939 wurde aus ihrer Freundschaft Liebe. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits zum Militärdienst eingezogen worden. Zuerst musste er nach Frankreich. Dort suchte und fand er das Grab seines älteren Bruders, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, um ihm fern der Heimat die letzte Ehre zu erweisen. Dies war auch ein Grund, warum er seinem Vaterland sehr zugetan war und mit Hingabe seinen Teil zum Krieg beitragen wollte. Er war jedoch absolut kein Nationalsozialist und auch sonst nicht fanatisch. Auf der Hochzeitsreise verkleidete sich Elisabeth sogar in seiner Uniform. Auf seinen Fotos sind nirgendwo NS-Symbole zu sehen.
Er war sehr belesen und liebte Natur und Kultur. Ewald beobachtete und notierte alles genau, sobald er die Chance dazu hatte; das tat er schon sein ganzes Leben lang. Zudem hatte er ein gutes Händchen für die Fotografie. Daher ist viel Material über Ewald und Elisabeth erhalten geblieben. Zu Weihnachten 1941 fand eine sogenannte „Fernverlobung“ statt. Später kam er auf Urlaub nach Hause, und sie heirateten am 31. Juli 1942 in Stadtlohn.
In seinen Tagebuchnotizen lesen wir:
25.7.1942: Fastow-Kowel. Heute entlausen. Habe gerade den tollen Felix E. getroffen. In zwei Stunden in Warschau, 15 Uhr Lublin. Schickte ihr das Telegramm „Ankunft Montag, Ewald“. Wenn alles gut geht, bin ich schon heute, Sonntagabend, zu Hause.
31.7.1942: Hochzeit! Wie alles in meinem Leben war auch dieser Tag erfüllt von Sonnenschein und unglaublichem Glück! Ich danke dem Schicksal, das mir so wohlgesonnen ist. Ohne Haus und Hof fliegen wir wie zwei Schmetterlinge frei herum. Wenn man uns fragt: „Wie war es, war es gut?“, dann antworte ich jedes Mal: „Es war unbeschreiblich.“ Alles verlief über Erwartungen. Heimlich denke ich: „Das Glück meines Daseins ist unzerstörbar. Es ist unglaublich, dies in Kriegszeiten zu erleben. Am Ende des schrecklichen Krieges siegt unsere Liebe.“
Bentheim- Horstmar-H. Dorsten – Besuche hier und da, es war fantastisch. Für den Frontsoldaten und seine liebe Frau hat man alles Mögliche übrig. Die Erkenntnis dringt voll zu mir durch: Diese Tage werden die schönsten und herrlichsten meines Lebens sein.
Aber alles geht vorbei.
13.8.1942: Kaffee Veelken in Borken. Ich sehe nichts, was mich traurig stimmt. Die Zukunft lächelt mir zu. Auf Wiedersehen, meine liebe Frau. Es bleibt nur noch wenig Zeit, tausend Dank für all die Liebe.
Ewald kam 1943 noch einmal auf Urlaub nach Hause. In der Zwischenzeit hatte Elisabeth eine Wohnung in Stadtlohn eingerichtet. Als sie sich in Münster am Bahnhof voneinander verabschiedeten, machte er noch ein schönes Foto von ihr aus dem Fenster des Waggons. Sie machte daraufhin auch ein Foto von ihm. Dann gab er ihr seinen Ring und seine Fotokamera. Wahrscheinlich ahnte er irgendwo sein nahendes Ende. Er glaubte auch überhaupt nicht mehr an den Krieg. Rückblickend weiß Elisabeth, dass sie damals gar nicht darüber nachdenken wollte. Drei Monate später, im November 1943, erhielt Elisabeth die traurige Nachricht, dass Ewald bei Smolensk gefallen war. Sie hatten keine Kinder.
Elisabeth erstellte ein Erinnerungsbuch mit seinen Tagebuchnotizen aus dem Krieg, vielen Fotos und kleinen Zeichnungen aus Russland sowie Postkarten, die er aus Frankreich geschickt hatte. Und ein zweites Erinnerungsbuch mit den Fotos ihrer „Fernverlobung“, ihrer Hochzeit und Hochzeitsreise. Nach dem Krieg heiratete Elisabeth Johannes Hengstermann. Vier Kinder wurden geboren.
Diese Liebesgeschichte hat die Familie Hengstermann tiefgreifend beeinflusst. Noch immer hängt an der Wand des Wohnzimmers ein Foto von „Onkel Ewald“, geschmückt mit einem Kranz aus Trockenblumen oder einem Buchenzweig. Für die Tochter Resi war „Onkel Ewald“ ein stiller Begleiter der Familie.
Quelle: Interview mit Resi Hengstermann, Bocholt (Deutschland), Tochter aus der zweiten Ehe von Elisabeth Hengstermann, Witwe von Ewald Heming, Dezember 2013.






